29. Juli 2026

Gemeinsam stark: Brief von Michelle

Michelle, aufge­wachsen im Haus am Bach, wollte der HSP-Commu­nity nicht einfach nur danken – sie erzählt ihre eigene Geschichte. Ein sehr persön­li­cher und aufwüh­lender Brief über Herkunft, Halt und den eigenen Weg.

Diesmal ein etwas anderer Bericht aus dem Haus am Bach. Kein Reise­be­richt, sondern ein Brief. Michelle, heute 20 Jahre alt, war es ein Anliegen, sich bei der HSP-Commu­nity für die Unter­stüt­zung zu bedanken. Sie hat sich entschieden, dafür ihre eigene Geschichte zu erzählen. Sie ist sehr persön­lich und an manchen Stellen schwer zu lesen. Michelle war es ein wich­tiges Bedürfnis, sie aufzu­schreiben, und wir veröf­fent­li­chen sie auf ihren ausdrück­li­chen Wunsch und mit ihrem Einver­ständnis.

Wo Michelle heute steht, freut uns sehr: Im Juli hat sie ihre Ausbil­dung zur staat­lich geprüften Sozi­al­as­sis­tentin abge­schlossen. Ihr Ziel ist die Erzie­her­aus­bil­dung – und später ein Studium im sozialen Bereich. Was sie aus ihrer Vergan­gen­heit mitge­nommen hat, gibt sie damit an andere Kinder weiter.

Liebe Michelle, herz­li­chen Dank für diesen sehr persön­li­chen und aufwüh­lenden Bericht. Wir wünschen dir für deinen weiteren Lebensweg alles erdenk­lich Gute.

Hinweis: Der Text schil­dert körper­liche und sexua­li­sierte Gewalt in der Herkunfts­fa­milie. Wer davon selbst betroffen ist, kann die Lektüre als belas­tend empfinden.

Liebe HSP-Commu­nity!

Es ist mir ein großes Bedürfnis, mich bei euch für die geleis­tete Unter­stüt­zung zu bedanken. Ich habe lange über­legt, wie ich meinem Dank beson­deren Nach­druck verleihen kann. Ein einfa­ches, aber sehr ernst gemeintes Danke­schön ist nicht ausrei­chend. Daher habe ich mich dazu entschlossen, euch mit einem kurzen Bericht an meinem Leben teil­haben zu lassen.

Ich wurde 2006 in sehr schwie­rige Fami­li­en­ver­hält­nisse geboren. Neben meiner Mutter und meinem „Vater“ (warum ich Vater in Anfüh­rungs­zei­chen gesetzt habe, werde ich euch später noch erklären) lebten noch mein zwei Jahre älterer Bruder und meine vier Jahre jüngere Schwester zusammen mit mir im Haus­halt. Themen wie Vernach­läs­si­gung, Gewalt und beson­ders Drogen und Alkohol sowie Miss­brauch waren meine Lebens­rea­lität in der Familie.

Das Jugendamt war schon sehr früh in unserer Familie aktiv. Die Behörden haben versucht, die verschie­densten Maßnahmen zu instal­lieren. Von der Fami­li­en­hilfe über Tages­gruppen bis hin zum Fami­li­en­be­treuten Wohnen und vielem mehr. Leider hat nichts nach­haltig gewirkt. Ich habe beson­ders als Kind und später als Jugend­liche ein sehr ange­spanntes Verhältnis zum Jugendamt gehabt. Ich habe mich oft allein­ge­lassen und nicht verstanden gefühlt. Das hat sich, auch aufgrund meiner Ausbil­dung zur Erzie­herin, stark verän­dert. Mir ist es jetzt möglich, auch mit einem begin­nenden fach­li­chen Blick, meine dama­lige Situa­tion zu betrachten und Verständnis für das Verhalten der Behörden aufzu­bringen. Heute bin ich sehr dankbar dafür, dass das Jugendamt mich derzeit so gut unter­stützt.

Meine fami­liäre Situa­tion hat sich in den Jahren immer weiter zuge­spitzt. Als ich fünf war (meine Schwester war gerade geboren), ist meine Mutter nach viel Streit, Stress und Schlä­ge­reien mit meinem „Vater“ über Nacht ausge­zogen und hat uns Kinder allein­ge­lassen. Wir hatten nur noch spora­disch Kontakt zu meiner Mutter und ihren jewei­ligen neuen Freunden. Mein „Vater“ war ab da allei­niger Herr­scher über uns Kinder.

Obwohl mein Leben bis dahin nicht einfach war, fing das Marty­rium für mich jetzt erst richtig an. Ab dem sechsten, siebten oder achten Lebens­jahr (so genau kann ich es zeit­lich nicht mehr zuordnen) wurde ich bis zu meinem drei­zehnten Lebens­jahr von diesem „Vater“ schwer sexuell miss­braucht. Ich wurde zum Teil unter Drogen gesetzt, damit sich dieses Subjekt an mir vergehen konnte. Die ersten Jahre konnte ich gar nicht verstehen, was mit mir passierte. Ich stand dauer­haft unter Schock und verlor jegli­ches Vertrauen in die Erwach­senen. Selbst vor Freun­dinnen, die mich zu Hause besucht haben, hat er keinen Halt gemacht, so dass ich immer größere Angst hatte, jemanden zum Spielen mitzu­nehmen. Irgend­wann verstand ich, dass das, was mir angetan wurde, falsch und abartig ist. Dazu wuchsen aber meine Ängste, dass auch meine kleine Schwester sein Opfer werden könnte. Ich habe versucht, sie vor dieser schreck­li­chen Erfah­rung zu schützen.

Als ich 13 wurde, hat sich alles geän­dert. Durch mein auffäl­liges Verhalten und beson­ders das meiner Geschwister hat sich das Jugendamt entschlossen, uns fremd­un­ter­zu­bringen. Als Erstes wurden mein Bruder und meine Schwester zu Hause raus­ge­nommen. Leider musste ich noch einige Monate mit diesem Menschen allein in der Wohnung leben. Für meine Schwester hat es mich sehr gefreut, dass sie nicht mehr in Gefahr war. Meinen älteren Bruder hätte ich jedoch gerne noch als Stütze bei mir gehabt.

Dann konnte auch ich endlich dieses schäd­liche Umfeld verlassen und wurde im Haus am Bach aufge­nommen. Da der Miss­brauch zu der Zeit noch nicht bekannt war, wurde diesem Menschen noch ein Besuchs­kon­takt zuge­spro­chen, den ich dann immer wieder in seinem Haus­halt verbrachte. Ich glaube, ich muss nicht weiter darauf eingehen, was das für mich bedeutet hat – Schmerz …

Als ich im Haus am Bach ankam, war mir gleich klar, hier ticken die Uhren anders. Hier gab es eine klare Struktur. Die Regeln waren da, um sie einzu­halten. Ich wurde schnell von den Kindern und Mitar­bei­tern auf die Wellen­länge des Hauses am Bach einge­groovt. Nach anfäng­li­chen Ängsten vor den männ­li­chen Mitar­bei­tern habe ich schnell fest­ge­stellt, dass ich hier einen sicheren Ort gefunden habe. Auch wenn die pädago­gi­schen Gespräche ihren Platz hatten, war mir aber schnell klar, hier geht es um Handeln und Taten und die Über­nahme von Verant­wor­tung in allen Lebens­be­rei­chen. Mir wurde aufge­zeigt, welche Rechte ich habe, aber auch, dass nur die entspre­chenden Pflichten dazu das Bild rund machen.

Nach einiger Zeit konnte ich mich einem Mitar­beiter in der Gruppe anver­trauen und meine schlimmen Erleb­nisse offen machen. Ich hatte sehr große Angst, dass man mir nicht glaubt und ich als Lügnerin dastehen würde. Die Betreuer haben mich aber von Anfang an ernst genommen, mir geglaubt und ohne wilden Aktio­nismus alle nötigen Hebel in Bewe­gung gesetzt. Leider, oder wie zu erwarten, war das in meiner Familie nicht so. Meine Mutter, Onkel, Tanten, Freunde der Familie, Oma und Opa konnten sich das nicht vorstellen. Von einigen habe ich die Rück­mel­dung bekommen, dass sie mir nicht glauben, weil ich ja schon immer viel gelogen hätte. Traurig, sehr traurig.

In der Phase des Offen­ma­chens ging es mir oft sehr schlecht. Ich habe viel geweint und habe fast die Lust am Leben verloren. Die Betreuer haben mich aber immer wieder aufge­fangen und wieder aufge­baut. Meine Bezugs­be­treuerin Inken hat alle Wege und Gespräche bei der Anwältin, der Polizei, der Staats­an­walt­schaft und dem Gericht begleitet und stand auch weit über den normalen Dienst zur Verfü­gung.

Es wurde nach fast vier­jäh­riger Ermitt­lung ein Verfahren eröffnet, das in eine Gerichts­ver­hand­lung mündete. Es war schreck­lich, immer wieder die Geschichten zu erzählen, aber am Ende hat dieser Mensch alles zuge­geben und wurde zu einer mehr­jäh­rigen Gefäng­nis­strafe verur­teilt. An dieser Stelle möchte ich den „Vater“ in Anfüh­rungs­zei­chen erklären. Im Verfahren ist raus­ge­kommen, dass er gar nicht mein leib­li­cher Vater ist. Ich bin wohl eine Party­af­färe meiner Mutter ohne konkrete Vorstel­lung, wer mein Erzeuger ist. Einer­seits bin ich froh, dass nicht ein Vater seinem Kind diese schlimmen Sachen angetan hat. Ande­rer­seits schmerzt es sehr, nicht zu wissen, wer mein Vater ist.

Hier möchte ich eure Rolle mit ins Spiel bringen. Durch eure Unter­stüt­zung ist es möglich, dass wir Kinder und Jugend­liche an ganz beson­deren erleb­nis­päd­ago­gi­schen Maßnahmen und Einzel­maß­nahmen teil­nehmen können. In diesen Aktionen werden wir alle an unsere physi­sche und psychi­sche Leis­tungs­grenze und oft auch darüber hinaus gebracht. Ich konnte es bei mir selbst und auch bei den anderen Kindern beob­achten, wie das Selbst­wert­ge­fühl, die Selbst­wahr­neh­mung und beson­ders der Leis­tungs­wille gestei­gert wurden. Auch wenn ich so manche Berg­ak­tion verflucht habe, konnte ich bei mir und den anderen eine starke posi­tive Verän­de­rung fest­stellen. Ingo erklärt uns immer wieder, dass es nur durch eure Unter­stüt­zung möglich ist, da der normale Etat so etwas nicht zulässt. Eigent­lich schade, da es beson­ders uns gezeich­neten Kindern so viel bringt.

An dieser Stelle möchte ich euch schnell von einer Berg­tour während meiner ersten Fahrt nach Bayern erzählen. Ich war ganz neu in der Gruppe und musste sofort alle Touren mitma­chen. Auf diesen Fahrten werden verschie­dene Touren mit den Kindern in Klein­gruppen durch­ge­führt. Ingo hat mich in seine Gruppe für die Göll­über­schrei­tung einge­teilt. Obwohl ich eigent­lich sehr große Höhen­angst habe, musste ich mitgehen. Die Tour ging über fast neun Stunden und führte immer wieder durch absturz­ge­fähr­detes Gelände. Ich war an sehr vielen Stellen sehr ängst­lich und ange­spannt. Trotz aller Ängste und körper­li­cher Anstren­gung bis an meine Leis­tungs­grenze habe ich die Tour durch­ge­zogen. Diese Erfah­rung hat mich sehr geprägt und steht für mich als Symbol, dass man alles schaffen kann, wenn man sich voll einsetzt.

Jetzt noch ein paar Sachen im Schnell­durch­gang. Die Unter­stüt­zung und die inten­sive Beglei­tung der Betreuer in schu­li­schen Dingen sowie das Verständnis für meine jugend­li­chen Ausrut­scher haben dazu geführt, dass ich im Juli 2026 meine Ausbil­dung zur staat­lich geprüften Sozi­al­as­sis­tentin erfolg­reich abschließen konnte. Ich gehe jetzt noch ein Jahr zur Fach­ober­schule, um danach die Erzie­her­aus­bil­dung zu absol­vieren. Gerne würde ich danach noch wie meine Bezugs­be­treuerin Inken oder mein Grup­pen­leiter Ingo ein Studium im sozialen Bereich durch­führen.

Zu meinem Bruder habe ich einen sehr guten Kontakt. Der Kontakt zu meiner Mutter ist sehr anstren­gend, und zu meiner kleinen Schwester musste ich leider immer wieder den Kontakt abbre­chen. Sie ist in keiner Einrich­tung und Maßnahme zu inte­grieren und fällt immer wieder auch poli­zei­lich auf.

Danke
Eure Michelle

Gemeinsam stark: Unter­stüt­zung für trau­ma­ti­sierte Kinder und Jugend­liche

Gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment hat in den Kanz­leien der HSP GRUPPE eine große Bedeu­tung. So unter­stützen einige Kanz­leien die Wohn­gruppe für trau­ma­ti­sierte Kinder und Jugend­liche „Haus am Bach“ des Wichern­stifts in Gander­kesee bei Olden­burg.

Der Wichern­stift hat sich die erleb­nis­ori­en­tierte Pädagogik auf die Fahne geschrieben. Sie soll den jungen Menschen durch die hohen Anfor­de­rungen an die Psyche und die körper­liche Leis­tungs­fä­hig­keit Selbst­ver­trauen und Selbst­wert­ge­fühl geben. Die Erleb­nis­päd­agogik des Haus am Bach umfasst unter anderem Grup­pen­ak­ti­vi­täten wie Kanu­touren oder Berg­wan­de­rungen, wobei beispiels­weise auch Erste Hilfe, GPS-Orien­tie­rung und Wetter­kunde gelehrt wird. Dies unter­stützen die Kanz­leien jeden Monat finan­ziell.

Der Wohn­grup­pen­leiter und Sozi­al­päd­agoge Ingo Schulz berichtet regel­mäßig über die Akti­vi­täten und Erleb­nisse der Gruppe. Dies selbst­ver­ständ­lich mit Zustim­mung der Kinder und Jugend­li­chen.

Das Projekt wird von folgenden HSP-Kanz­leien unter­stützt:

  • Berlin Nordost: HSP STEUER Frank Hampicke Berlin GmbH & Co. KG Steuer­beratungs­gesellschaft
  • Bram­sche: HSP STEUER Wobbe & Kemner PartG mbB Steuer­beratungs­gesellschaft
  • Bremen: HSP STEUER Bremen Sauer + Wind­horst + Düvel PartG mbB Steuer­beratungs­gesellschaft
  • Hamburg und Hamburg West: HSP STEUER Hamburg Elbe GmbH & Co. KG
  • Hamburg Nord: HSP STEUER Füllen­bach & Partner Steuer­beratungs­gesellschaft mbB
  • Hamburg West: HSP STEUER Hamburg-West GmbH & Co. KG Pletz & Strinkau Steuer­beratungs­gesellschaft
  • Hannover: HSP STEUER Henniges, Schulz & Partner Steuer­beratungs­gesellschaft mbB
  • Köln West: HSP Steuer + Wirt­schafts­prü­fung Nolden & Bougé Part­ner­schafts­ge­sell­schaft mbB Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaft Steuer­beratungs­gesellschaft
  • Lich: HSP STEUER Pracht GmbH Steuer­beratungs­gesellschaft
  • Lohr am Main, Würz­burg, Peine/Edemissen, Hambühren: HSP STEUER Armin F. Schiehser Wirt­schafts- und Steuer­beratungs­gesellschaft mbH
  • Sieger­land West: HSP STEUER Hensel & Kall­mayer GmbH Steuer­beratungs­gesellschaft
  • Wirges: HSP STEUER Heibel und Partner mbB Steuer­beratungs­gesellschaft
  • HSP GRUPPE Service­ge­sell­schaft mbH & Co. KG
HSP CHARITY e. V.

Unter­nehmen der HSP GRUPPE bündeln ihr soziales und gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment im gemein­nüt­zigen Verein HSP CHARITY e. V., der auch offen für externe Spenden von Mandanten, Geschäfts­part­nern und Privat­per­sonen ist. Erfahren Sie mehr über HSP CHARITY und die unter­stützten Hilfs­pro­jekte.


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