
Gemeinsam stark: Brief von Michelle
Michelle, aufgewachsen im Haus am Bach, wollte der HSP-Community nicht einfach nur danken – sie erzählt ihre eigene Geschichte. Ein sehr persönlicher und aufwühlender Brief über Herkunft, Halt und den eigenen Weg.
Diesmal ein etwas anderer Bericht aus dem Haus am Bach. Kein Reisebericht, sondern ein Brief. Michelle, heute 20 Jahre alt, war es ein Anliegen, sich bei der HSP-Community für die Unterstützung zu bedanken. Sie hat sich entschieden, dafür ihre eigene Geschichte zu erzählen. Sie ist sehr persönlich und an manchen Stellen schwer zu lesen. Michelle war es ein wichtiges Bedürfnis, sie aufzuschreiben, und wir veröffentlichen sie auf ihren ausdrücklichen Wunsch und mit ihrem Einverständnis.
Wo Michelle heute steht, freut uns sehr: Im Juli hat sie ihre Ausbildung zur staatlich geprüften Sozialassistentin abgeschlossen. Ihr Ziel ist die Erzieherausbildung – und später ein Studium im sozialen Bereich. Was sie aus ihrer Vergangenheit mitgenommen hat, gibt sie damit an andere Kinder weiter.
Liebe Michelle, herzlichen Dank für diesen sehr persönlichen und aufwühlenden Bericht. Wir wünschen dir für deinen weiteren Lebensweg alles erdenklich Gute.
Hinweis: Der Text schildert körperliche und sexualisierte Gewalt in der Herkunftsfamilie. Wer davon selbst betroffen ist, kann die Lektüre als belastend empfinden.
Liebe HSP-Community!
Es ist mir ein großes Bedürfnis, mich bei euch für die geleistete Unterstützung zu bedanken. Ich habe lange überlegt, wie ich meinem Dank besonderen Nachdruck verleihen kann. Ein einfaches, aber sehr ernst gemeintes Dankeschön ist nicht ausreichend. Daher habe ich mich dazu entschlossen, euch mit einem kurzen Bericht an meinem Leben teilhaben zu lassen.
Ich wurde 2006 in sehr schwierige Familienverhältnisse geboren. Neben meiner Mutter und meinem „Vater“ (warum ich Vater in Anführungszeichen gesetzt habe, werde ich euch später noch erklären) lebten noch mein zwei Jahre älterer Bruder und meine vier Jahre jüngere Schwester zusammen mit mir im Haushalt. Themen wie Vernachlässigung, Gewalt und besonders Drogen und Alkohol sowie Missbrauch waren meine Lebensrealität in der Familie.
Das Jugendamt war schon sehr früh in unserer Familie aktiv. Die Behörden haben versucht, die verschiedensten Maßnahmen zu installieren. Von der Familienhilfe über Tagesgruppen bis hin zum Familienbetreuten Wohnen und vielem mehr. Leider hat nichts nachhaltig gewirkt. Ich habe besonders als Kind und später als Jugendliche ein sehr angespanntes Verhältnis zum Jugendamt gehabt. Ich habe mich oft alleingelassen und nicht verstanden gefühlt. Das hat sich, auch aufgrund meiner Ausbildung zur Erzieherin, stark verändert. Mir ist es jetzt möglich, auch mit einem beginnenden fachlichen Blick, meine damalige Situation zu betrachten und Verständnis für das Verhalten der Behörden aufzubringen. Heute bin ich sehr dankbar dafür, dass das Jugendamt mich derzeit so gut unterstützt.
Meine familiäre Situation hat sich in den Jahren immer weiter zugespitzt. Als ich fünf war (meine Schwester war gerade geboren), ist meine Mutter nach viel Streit, Stress und Schlägereien mit meinem „Vater“ über Nacht ausgezogen und hat uns Kinder alleingelassen. Wir hatten nur noch sporadisch Kontakt zu meiner Mutter und ihren jeweiligen neuen Freunden. Mein „Vater“ war ab da alleiniger Herrscher über uns Kinder.
Obwohl mein Leben bis dahin nicht einfach war, fing das Martyrium für mich jetzt erst richtig an. Ab dem sechsten, siebten oder achten Lebensjahr (so genau kann ich es zeitlich nicht mehr zuordnen) wurde ich bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr von diesem „Vater“ schwer sexuell missbraucht. Ich wurde zum Teil unter Drogen gesetzt, damit sich dieses Subjekt an mir vergehen konnte. Die ersten Jahre konnte ich gar nicht verstehen, was mit mir passierte. Ich stand dauerhaft unter Schock und verlor jegliches Vertrauen in die Erwachsenen. Selbst vor Freundinnen, die mich zu Hause besucht haben, hat er keinen Halt gemacht, so dass ich immer größere Angst hatte, jemanden zum Spielen mitzunehmen. Irgendwann verstand ich, dass das, was mir angetan wurde, falsch und abartig ist. Dazu wuchsen aber meine Ängste, dass auch meine kleine Schwester sein Opfer werden könnte. Ich habe versucht, sie vor dieser schrecklichen Erfahrung zu schützen.
Als ich 13 wurde, hat sich alles geändert. Durch mein auffälliges Verhalten und besonders das meiner Geschwister hat sich das Jugendamt entschlossen, uns fremdunterzubringen. Als Erstes wurden mein Bruder und meine Schwester zu Hause rausgenommen. Leider musste ich noch einige Monate mit diesem Menschen allein in der Wohnung leben. Für meine Schwester hat es mich sehr gefreut, dass sie nicht mehr in Gefahr war. Meinen älteren Bruder hätte ich jedoch gerne noch als Stütze bei mir gehabt.
Dann konnte auch ich endlich dieses schädliche Umfeld verlassen und wurde im Haus am Bach aufgenommen. Da der Missbrauch zu der Zeit noch nicht bekannt war, wurde diesem Menschen noch ein Besuchskontakt zugesprochen, den ich dann immer wieder in seinem Haushalt verbrachte. Ich glaube, ich muss nicht weiter darauf eingehen, was das für mich bedeutet hat – Schmerz …
Als ich im Haus am Bach ankam, war mir gleich klar, hier ticken die Uhren anders. Hier gab es eine klare Struktur. Die Regeln waren da, um sie einzuhalten. Ich wurde schnell von den Kindern und Mitarbeitern auf die Wellenlänge des Hauses am Bach eingegroovt. Nach anfänglichen Ängsten vor den männlichen Mitarbeitern habe ich schnell festgestellt, dass ich hier einen sicheren Ort gefunden habe. Auch wenn die pädagogischen Gespräche ihren Platz hatten, war mir aber schnell klar, hier geht es um Handeln und Taten und die Übernahme von Verantwortung in allen Lebensbereichen. Mir wurde aufgezeigt, welche Rechte ich habe, aber auch, dass nur die entsprechenden Pflichten dazu das Bild rund machen.









Nach einiger Zeit konnte ich mich einem Mitarbeiter in der Gruppe anvertrauen und meine schlimmen Erlebnisse offen machen. Ich hatte sehr große Angst, dass man mir nicht glaubt und ich als Lügnerin dastehen würde. Die Betreuer haben mich aber von Anfang an ernst genommen, mir geglaubt und ohne wilden Aktionismus alle nötigen Hebel in Bewegung gesetzt. Leider, oder wie zu erwarten, war das in meiner Familie nicht so. Meine Mutter, Onkel, Tanten, Freunde der Familie, Oma und Opa konnten sich das nicht vorstellen. Von einigen habe ich die Rückmeldung bekommen, dass sie mir nicht glauben, weil ich ja schon immer viel gelogen hätte. Traurig, sehr traurig.
In der Phase des Offenmachens ging es mir oft sehr schlecht. Ich habe viel geweint und habe fast die Lust am Leben verloren. Die Betreuer haben mich aber immer wieder aufgefangen und wieder aufgebaut. Meine Bezugsbetreuerin Inken hat alle Wege und Gespräche bei der Anwältin, der Polizei, der Staatsanwaltschaft und dem Gericht begleitet und stand auch weit über den normalen Dienst zur Verfügung.
Es wurde nach fast vierjähriger Ermittlung ein Verfahren eröffnet, das in eine Gerichtsverhandlung mündete. Es war schrecklich, immer wieder die Geschichten zu erzählen, aber am Ende hat dieser Mensch alles zugegeben und wurde zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. An dieser Stelle möchte ich den „Vater“ in Anführungszeichen erklären. Im Verfahren ist rausgekommen, dass er gar nicht mein leiblicher Vater ist. Ich bin wohl eine Partyaffäre meiner Mutter ohne konkrete Vorstellung, wer mein Erzeuger ist. Einerseits bin ich froh, dass nicht ein Vater seinem Kind diese schlimmen Sachen angetan hat. Andererseits schmerzt es sehr, nicht zu wissen, wer mein Vater ist.
Hier möchte ich eure Rolle mit ins Spiel bringen. Durch eure Unterstützung ist es möglich, dass wir Kinder und Jugendliche an ganz besonderen erlebnispädagogischen Maßnahmen und Einzelmaßnahmen teilnehmen können. In diesen Aktionen werden wir alle an unsere physische und psychische Leistungsgrenze und oft auch darüber hinaus gebracht. Ich konnte es bei mir selbst und auch bei den anderen Kindern beobachten, wie das Selbstwertgefühl, die Selbstwahrnehmung und besonders der Leistungswille gesteigert wurden. Auch wenn ich so manche Bergaktion verflucht habe, konnte ich bei mir und den anderen eine starke positive Veränderung feststellen. Ingo erklärt uns immer wieder, dass es nur durch eure Unterstützung möglich ist, da der normale Etat so etwas nicht zulässt. Eigentlich schade, da es besonders uns gezeichneten Kindern so viel bringt.
An dieser Stelle möchte ich euch schnell von einer Bergtour während meiner ersten Fahrt nach Bayern erzählen. Ich war ganz neu in der Gruppe und musste sofort alle Touren mitmachen. Auf diesen Fahrten werden verschiedene Touren mit den Kindern in Kleingruppen durchgeführt. Ingo hat mich in seine Gruppe für die Göllüberschreitung eingeteilt. Obwohl ich eigentlich sehr große Höhenangst habe, musste ich mitgehen. Die Tour ging über fast neun Stunden und führte immer wieder durch absturzgefährdetes Gelände. Ich war an sehr vielen Stellen sehr ängstlich und angespannt. Trotz aller Ängste und körperlicher Anstrengung bis an meine Leistungsgrenze habe ich die Tour durchgezogen. Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt und steht für mich als Symbol, dass man alles schaffen kann, wenn man sich voll einsetzt.
Jetzt noch ein paar Sachen im Schnelldurchgang. Die Unterstützung und die intensive Begleitung der Betreuer in schulischen Dingen sowie das Verständnis für meine jugendlichen Ausrutscher haben dazu geführt, dass ich im Juli 2026 meine Ausbildung zur staatlich geprüften Sozialassistentin erfolgreich abschließen konnte. Ich gehe jetzt noch ein Jahr zur Fachoberschule, um danach die Erzieherausbildung zu absolvieren. Gerne würde ich danach noch wie meine Bezugsbetreuerin Inken oder mein Gruppenleiter Ingo ein Studium im sozialen Bereich durchführen.
Zu meinem Bruder habe ich einen sehr guten Kontakt. Der Kontakt zu meiner Mutter ist sehr anstrengend, und zu meiner kleinen Schwester musste ich leider immer wieder den Kontakt abbrechen. Sie ist in keiner Einrichtung und Maßnahme zu integrieren und fällt immer wieder auch polizeilich auf.
Danke
Eure Michelle
Gemeinsam stark: Unterstützung für traumatisierte Kinder und Jugendliche
Gesellschaftliches Engagement hat in den Kanzleien der HSP GRUPPE eine große Bedeutung. So unterstützen einige Kanzleien die Wohngruppe für traumatisierte Kinder und Jugendliche „Haus am Bach“ des Wichernstifts in Ganderkesee bei Oldenburg.
Der Wichernstift hat sich die erlebnisorientierte Pädagogik auf die Fahne geschrieben. Sie soll den jungen Menschen durch die hohen Anforderungen an die Psyche und die körperliche Leistungsfähigkeit Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl geben. Die Erlebnispädagogik des Haus am Bach umfasst unter anderem Gruppenaktivitäten wie Kanutouren oder Bergwanderungen, wobei beispielsweise auch Erste Hilfe, GPS-Orientierung und Wetterkunde gelehrt wird. Dies unterstützen die Kanzleien jeden Monat finanziell.
Der Wohngruppenleiter und Sozialpädagoge Ingo Schulz berichtet regelmäßig über die Aktivitäten und Erlebnisse der Gruppe. Dies selbstverständlich mit Zustimmung der Kinder und Jugendlichen.
Das Projekt wird von folgenden HSP-Kanzleien unterstützt:
- Berlin Nordost: HSP STEUER Frank Hampicke Berlin GmbH & Co. KG Steuerberatungsgesellschaft
- Bramsche: HSP STEUER Wobbe & Kemner PartG mbB Steuerberatungsgesellschaft
- Bremen: HSP STEUER Bremen Sauer + Windhorst + Düvel PartG mbB Steuerberatungsgesellschaft
- Hamburg und Hamburg West: HSP STEUER Hamburg Elbe GmbH & Co. KG
- Hamburg Nord: HSP STEUER Füllenbach & Partner Steuerberatungsgesellschaft mbB
- Hamburg West: HSP STEUER Hamburg-West GmbH & Co. KG Pletz & Strinkau Steuerberatungsgesellschaft
- Hannover: HSP STEUER Henniges, Schulz & Partner Steuerberatungsgesellschaft mbB
- Köln West: HSP Steuer + Wirtschaftsprüfung Nolden & Bougé Partnerschaftsgesellschaft mbB Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Steuerberatungsgesellschaft
- Lich: HSP STEUER Pracht GmbH Steuerberatungsgesellschaft
- Lohr am Main, Würzburg, Peine/Edemissen, Hambühren: HSP STEUER Armin F. Schiehser Wirtschafts- und Steuerberatungsgesellschaft mbH
- Siegerland West: HSP STEUER Hensel & Kallmayer GmbH Steuerberatungsgesellschaft
- Wirges: HSP STEUER Heibel und Partner mbB Steuerberatungsgesellschaft
- HSP GRUPPE Servicegesellschaft mbH & Co. KG

Unternehmen der HSP GRUPPE bündeln ihr soziales und gesellschaftliches Engagement im gemeinnützigen Verein HSP CHARITY e. V., der auch offen für externe Spenden von Mandanten, Geschäftspartnern und Privatpersonen ist. Erfahren Sie mehr über HSP CHARITY und die unterstützten Hilfsprojekte.
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