
Zukunft zum Selbermachen – warum Eigenständigkeit wieder zählt
Eigenständigkeit zählt mehr denn je – trotz sinkender Gründerzahlen. Kleine Unternehmen punkten mit Kundennähe, Angebotsfreiheit und digitaler Eigenregie.
Deutschland erlebt einen anhaltenden Rückgang der Selbstständigkeit. Immer weniger Menschen wagen den Schritt in eine eigene Firma oder Praxis. Die Selbstständigenquote – also der Anteil der Selbstständigen an allen Erwerbstätigen – sinkt seit Jahren kontinuierlich und liegt heute so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Viele streben nach Sicherheit: Eine Festanstellung mit planbarem Einkommen erscheint verlockender als das Risiko der eigenen Unternehmung. Gerade der öffentliche Dienst erlebt ein Comeback als sicherer Hafen, in dem Jobgarantien und geregelte Abläufe vorherrschen. In unsicheren Zeiten zieht es Berufstätige verstärkt dorthin, wo Stabilität versprochen wird.
Doch trotz dieses Trends zur Absicherung gewinnen Eigenständigkeit und Unternehmergeist als Haltung wieder an Bedeutung. Es entsteht eine neue Wertschätzung für Selbstbestimmung – nicht als Massenphänomen, sondern als bewusste Entscheidung einer engagierten Minderheit. Wer heute den Weg in die Selbstständigkeit wählt, tut dies mit offenen Augen: in Kenntnis der Risiken, aber auch aus Überzeugung, dass die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, ein hohes Gut ist. In einer Arbeitswelt, die zunehmend reguliert und vorgezeichnet erscheint, zählen Mut, Kreativität und persönliches Verantwortungsbewusstsein wieder mehr. Eigenständigkeit zählt 2026 wieder – nicht trotz, sondern gerade wegen der äußeren Begrenzungen.
Wenn Sicherheit den Vorzug bekommt
Das Bild der klassischen Unternehmernation bröckelt: Die Gründungs- und Selbstständigenzahlen sind rückläufig. Wo in früheren Jahrzehnten eine steigende Zahl junger Talente vom eigenen Betrieb träumte, herrscht heute oft Zurückhaltung. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Sicherheit steht hoch im Kurs. Nach den Turbulenzen der letzten Jahre – von Wirtschaftskrisen über Pandemiefolgen bis zu geopolitischen Unsicherheiten – neigen viele dazu, beruflich auf Nummer sicher zu gehen. Eine unbefristete Stelle, am besten verbeamtet, gilt als Ideal. Der öffentliche Dienst profitiert davon besonders: In Umfragen geben immer mehr Berufstätige an, sie würden sich bei gleicher Tätigkeit eher für eine Anstellung im Staatsdienst entscheiden als für eine in der freien Wirtschaft. Die Jobsicherheit, planbare Pensionen und geregelte Arbeitszeiten üben gerade auf die junge Generation eine große Anziehungskraft aus.
Für kleine Unternehmen und Selbstständige bedeutet diese Entwicklung eine Herausforderung. Nachwuchs fehlt an allen Ecken: Qualifizierte Fachkräfte bevorzugen oft den sicheren Arbeitgeber, was es schwieriger macht, eigenständige Betriebe zu übernehmen oder neu zu gründen. Hinzu kommt die Furcht vor Bürokratie und finanziellen Risiken. Deutschland hat den Ruf, ein anspruchsvolles Pflaster für Gründer zu sein – komplexe Vorschriften, hohe Abgaben und der fehlende soziale Netzwerkknoten für Selbstständige (etwa bei Rente und Krankengeld) schrecken ab. Die logische Folge: Selbstständigkeit erscheint vielen als zu großes Wagnis. Stattdessen wächst eine Generation heran, die lieber in strukturierten Bahnen arbeitet, wo Risiken abgefedert und Entscheidungen von oben getroffen werden.
Dieser Trend ist verständlich, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, was verloren geht, wenn immer weniger Menschen den Schritt in die Eigenständigkeit wagen. Unternehmerische Freiheit trägt seit jeher zum Innovationsgeist und zur Flexibilität der Wirtschaft bei. Wenn sich zu viele allein auf Sicherheit verlassen, droht ein Mangel an frischen Ideen, individuellen Lösungen und jener besonderen Dynamik, die nur unabhängige Unternehmerpersönlichkeiten entfalten können. Es stellt sich also die Frage: Wie kann Eigenständigkeit heute wieder attraktiv und bedeutend werden, ohne die realen Sicherheitsbedürfnisse zu ignorieren?
Eigenständigkeit als bewusste Entscheidung
In der aktuellen Lage ist Selbstständigkeit keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern eine bewusste Lebensentscheidung. Die Selbstständigenquote mag niedrig sein, doch die Menschen, die sich für diesen Weg entscheiden, tun dies aus Überzeugung. Sein eigener Chef sein ist heute weniger denn je eine Notlösung oder Massenbewegung – es ist Ausdruck von Werten und Lebensentwürfen. Wer sich selbstständig macht, setzt ein Zeichen: für Selbstbestimmung, für die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, und für den Glauben daran, mit der eigenen Idee etwas bewegen zu können.
Diese Haltung gewinnt an Bedeutung, auch wenn die absoluten Zahlen klein sind. In einer Arbeitswelt, in der vielen ein Gefühl der Austauschbarkeit droht, verkörpert die unternehmerische Selbstständigkeit das genaue Gegenteil: Hier zählt das Individuum mit seiner ganzen Persönlichkeit, seinem Können und seiner Leidenschaft. Selbstständige – seien es Handwerker, Dienstleister oder Kreative – erleben unmittelbar die Früchte ihrer Entscheidungen. Erfolg und Misserfolg sind persönlicher zuzuordnen als im großen Konzern. Diese Unmittelbarkeit hat eine besondere Qualität: Sie kann befriedigen und antreiben, weil man die Konsequenzen des eigenen Handelns direkt sieht.
Natürlich ist diese bewusste Entscheidung mit Risiken verbunden. Aber gerade das macht ihren Wert aus. Anstatt Sicherheit um jeden Preis über alles zu stellen, wägen heutige Gründer und Inhaber bewusst ab: Wie viel Freiheit ist mir die Unsicherheit wert? Viele stellen fest, dass materielle Sicherheit zwar wichtig ist, aber nicht allein glücklich macht. Sinn, Leidenschaft und Unabhängigkeit in der Arbeit können genauso bedeutsam sein. So entsteht eine neue Generation von Selbstständigen, die nicht blauäugig startet, sondern realistisch plant – und dennoch mutig genug ist, es zu tun. Für sie ist Eigenständigkeit kein Zufall, sondern der gewählte Lebensweg. Ihr Unternehmergeist sorgt dafür, dass trotz aller Widrigkeiten weiterhin neue Ideen entstehen, kleine Firmen gegründet und alte Betriebe fortgeführt werden. Das ist kein Massenphänomen, aber ein gesellschaftlich wertvolles Gegengewicht zum Sicherheitstrend.
Freiheit im Kleinen: Entscheidungsspielräume statt Grenzenlosigkeit
Es wäre falsch, Selbstständigkeit mit grenzenloser Freiheit zu verwechseln. Kleine Unternehmen bewegen sich keineswegs in einem rechtsfreien Raum; sie unterliegen denselben Marktzwängen und gesetzlichen Vorgaben wie alle anderen. Doch die Freiheit der Selbstständigen besteht in Spielräumen im Konkreten – in Details, die den Unterschied machen. Während Angestellte oft Entscheidungen von oben abwarten müssen, können Inhaber kleiner Betriebe im Alltäglichen schneller und eigenständiger handeln. Gerade in diesen Entscheidungsspielräumen im Kleinen entfaltet sich der Reiz der Eigenständigkeit. Dazu zählen insbesondere:
Angebotsgestaltung: Selbstständige können selbst entscheiden, was sie anbieten und wie. Ob ein Schreiner neue nachhaltige Materialien ins Sortiment nimmt oder ein IT-Dienstleister seine Nische in spezieller Beratung findet – die Produkt- und Servicepalette liegt in eigener Hand. Man kann Marktlücken nutzen, sich spezialisieren oder etwas völlig Neues ausprobieren, ohne erst durch konzernweite Gremien zu müssen. Diese Gestaltungsfreiheit ermöglicht es, kundennahe und innovative Angebote zu entwickeln, die bei standardisierten Großanbietern so nicht zu finden wären.
Nähe zur Kundschaft: Kleine Unternehmen genießen oft eine direkte Beziehung zu ihren Kunden. Man kennt seine Kundschaft persönlich, versteht ihre Bedürfnisse und erhält unmittelbares Feedback. Diese Nähe erlaubt es, flexibel auf Wünsche zu reagieren und Vertrauen aufzubauen. Während in großen Strukturen Kundenanliegen in anonymen Hotlines versanden, kann der lokale Handwerksbetrieb oder die inhabergeführte Agentur direkt und unkompliziert helfen. Eigenständigkeit bedeutet hier Freiheit, die Beziehung zum Kunden auf Augenhöhe zu gestalten – ein unschätzbarer Vorteil in Zeiten, in denen persönliche Bindung und Vertrauen immer wichtiger werden.
Digitale Eigenregie: Dank moderner digitaler Tools können selbst kleinste Unternehmen heute professionell agieren. Von cloudbasierter Buchhaltung über Online-Marketing bis zur Terminorganisation per App – digitale Selbstorganisation verschafft Unabhängigkeit von teuren externen Dienstleistern und macht flexibel. Ein kleiner Betrieb kann seine Digitalstrategie eigenständig steuern: online präsent sein, E-Commerce nutzen, auf Plattformen sichtbar werden, ohne seine Identität aufzugeben. Die Möglichkeit, neue Software und Technologien direkt einzusetzen, ohne lange Entscheidungswege, ist ein echter Wettbewerbsvorteil. Damit behalten Selbstständige die Hoheit über ihre Daten, Prozesse und Kundenkontakte in der eigenen Hand.
Robuste Organisation: Flache Hierarchien und überschaubare Teams machen kleine Unternehmen anpassungsfähig. Bei Veränderungen – seien es neue gesetzliche Auflagen, schwankende Materialpreise oder unerwartete Aufträge – können Selbstständige rasch reagieren. Entscheidungswege sind kurz, Umstellungen lassen sich unbürokratisch umsetzen. So entsteht eine robuste Organisation, die zwar verwundbar scheint, aber oft krisenfester ist als große Tanker, weil sie flexibel navigieren kann. Die Freiheit liegt darin, eigene Schwerpunkte zu setzen: welchen Lieferanten man wählt, welche Projekte Priorität bekommen oder welche Kosten man einsparen kann. Diese Spielräume mögen begrenzt sein, doch sie ermöglichen es, im Sturm schneller Kurs zu halten oder zu wechseln. Das ist keine grenzenlose Freiheit – aber es ist die Freiheit, im richtigen Moment selbst zu entscheiden.
In all diesen Bereichen zeigt sich: Die Selbstständigkeit bietet Freiheitsgrade im Alltag, die man in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen so nicht hat. Es sind oft die kleinen Dinge – der eigene Stil im Angebot, der persönliche Umgang mit Kunden, die spontan eingeführte neue Software oder die pragmatische Umorganisation des Teams – die den Unterschied machen und Erfolg sowie Zufriedenheit in der Selbstständigkeit ausmachen. Gerade weil ringsum viele Einschränkungen existieren, sind diese kleinen Freiheiten so wertvoll.
Regionale Präsenz und Preishoheit: Stärken im aktuellen Umfeld
Ein Blick auf Handwerk und Dienstleistungen zeigt exemplarisch, wie wichtig eigenständiges Agieren gerade heute ist. Nehmen wir die regionale Präsenz: In einer globalisierten, online geprägten Welt besinnen sich viele Verbraucher wieder auf das Lokale. Ein Malermeister aus der Region, ein familiengeführtes Café oder ein IT-Dienstleister im selben Ort – sie genießen einen Heimvorteil. Kundschaft schätzt regionale Verwurzelung, weil sie Verlässlichkeit und Identifikation bietet. Selbstständige Unternehmen können vor Ort Gesicht zeigen, im Alltag der Gemeinde präsent sein und so eine Bindung und Vertrauen aufbauen, die großen, ortsfremden Anbietern oft fehlt. Diese Verankerung in der Region ist nicht altmodisch, sondern ein aktueller Trumpf: Sie ermöglicht Nähe, kurze Wege und das Gefühl, dass Wertschöpfung und Service vor der eigenen Haustür stattfinden.
Daneben spielt die Preishoheit eine entscheidende Rolle. Kleine Unternehmen haben die Freiheit, ihre Preise eigenverantwortlich zu kalkulieren. Anders als z. B. Franchisenehmer oder Zulieferer großer Konzerne, die oft an vorgegebene Preislisten oder enge Margen gebunden sind, können Handwerker und Dienstleister vor Ort ihre Preise so gestalten, dass Qualität und Aufwand angemessen honoriert werden. In Zeiten steigender Material- und Energiekosten ist diese Preishoheit überlebenswichtig: Nur wenn ein Betrieb seine gestiegenen Kosten weitergeben kann, bleibt er rentabel. Selbstständige kommunizieren ihre Preise direkt mit der Kundschaft und können im Dialog erklären, warum eine Leistung etwas kostet. Das schafft Transparenz und stellt sicher, dass am Ende ein faires Geschäft für beide Seiten steht. Natürlich müssen auch sie marktfähig bleiben und können die Preise nicht beliebig erhöhen – aber sie haben zumindest die Hoheit, es zu versuchen und anzupassen, anstatt durch ferne Vorgaben erdrückt zu werden.
Schließlich profitieren Handwerk und Dienstleistungen enorm von der bereits erwähnten digitalen Eigenregie. Moderne Cloud-Lösungen, Buchhaltungssoftware, Online-Terminplaner oder Handwerker-Apps – sie alle erleichtern den Alltag und erlauben es auch kleinen Teams, professionell organisiert zu sein. Ein Beispiel: Wo früher ein kleiner Handwerksmeister abends Berge von Papierkram bewältigen musste, nutzt er heute vielleicht eine App, die ihm unterwegs schon die Dokumentation erledigt, Rechnungen schreibt oder Kundentermine koordiniert. Das spart Zeit und Nerven und macht den Betrieb robuster, weil Abläufe reibungsloser funktionieren. Ebenso ermöglicht das Internet kleinen Dienstleistern, gezielt Kunden zu finden – über Social-Media- Plattformen oder eine eigene Website. So bleibt man unabhängig von teuren Vermittlern oder großen Werbebudgets. Die digitale Selbstorganisation wird zu einer Säule der Eigenständigkeit: Sie skaliert die Kräfte eines kleinen Unternehmens, ohne dessen Vorteile – Flexibilität und Kundennähe – aufzugeben.
All diese Entwicklungen zeigen, dass Eigenständigkeit im Handwerk und im Dienstleistungssektor lebendig ist und sich anpasst. Es geht nicht darum, nostalgisch am Alten festzuhalten. Im Gegenteil: Viele kleine Betriebe sind überraschend innovativ, wenn es um die Verbindung von Tradition und Moderne geht. Sie beweisen täglich, dass man auch in einem restriktiven Umfeld – geprägt von Konkurrenz, Normen und externen Schocks – erfolgreich und eigenständig wirtschaften kann, indem man seine speziellen Stärken ausspielt: regionale Verwurzelung, eigene Preisgestaltung und digitale Effizienz in der Selbstorganisation.
Fazit: Eigenständigkeit im restriktiven Umfeld – wichtiger denn je
Wir leben in einer Zeit, die von Begrenzungen und Regeln geprägt ist. Wirtschaftliche Unsicherheiten, gesetzliche Auflagen und gesellschaftliche Erwartungen setzen enge Rahmen. Gerade deshalb bleibt Selbstständigkeit wichtig. Es sind die kleinen Unternehmen und Selbstständigen, die innerhalb dieser Grenzen Spielräume schaffen und nutzen. Nicht trotz, sondern wegen der Begrenzungen entfaltet Eigenständigkeit ihren Wert: Wo große Organisationen starr an Vorgaben gebunden sind, können unabhängige Köpfe flexibel reagieren, Probleme kreativ lösen und Nischen besetzen, die andernorts übersehen werden.
Die Zukunft zum Selbermachen erfordert Mut und einen langen Atem – aber sie bietet auch die Chance auf persönliche Freiheit und Sinnhaftigkeit im Beruf. In einer Welt, die Sicherheit preist, erinnert uns die bewusste Entscheidung zur Selbstständigkeit daran, dass Fortschritt und Zufriedenheit oft aus dem Wagnis des Eigenen entstehen. Kleine Unternehmen im Handwerk und Dienstleistungsbereich zeigen heute schon, wie man innerhalb enger Grenzen Großes bewirken kann: durch Kundennähe, Qualitätsbewusstsein, digitale Fitness und die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen.
Auch wenn nicht jeder ein Gründer sein will oder soll, so braucht unsere Wirtschaft doch diese unabhängigen Macher, die ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Sie sorgen für Vielfalt, Innovation und Stabilität im Kleinen – und tragen damit zum großen Ganzen bei. Eigenständigkeit zählt wieder, weil sie ein Gegenpol zur Uniformität der sicheren Karrieren ist. Sie hält den Geist der Gestaltung und Freiheit lebendig. Die Zukunft muss man sich manchmal selbst erarbeiten. Sicherheit mag bequem sein, doch die Zukunft zum Selbermachen gehört denen, die ihre Spielräume nutzen und mit Tatkraft füllen.
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